Handeln statt Fordern und Anprangern

Ich höre oftmals das Argument

Es gibt so viel Schlechtes auf der Welt, warum sollte ich…

Um das mal klarzustellen. Das ist kein Argument. Und auch kein Weg, seine eigenen Handlungen in irgendeiner Art und Weise zu legitimieren. Überzeichnet betrachtet würde diese Aussage nämlich jegliches Verbrechen legitimieren.

Aber bleiben wir bei den Tatsachen. Ein Beispiel: Wenn es irgendwo auf der Welt einen Bananenbauern gibt, der unter menschenunwürdigen Bedingungen Bananen anbaut, ist das keine Legitimierung für irgendjemanden, diese Bananen zu kaufen. Es ist auch keine Legitimierung, keine fair gehandelten Bananen zu kaufen. Vielmehr verhält es sich genau andersherum. Erst durch den Kauf der unter diesen Bedingungen angebauten Bananen werden die menschenverachtenden Arbeitsbedingungen legitimiert. Würden die Bananen nicht gekauft, würde der Produzent, der für die Arbeitsbedingungen verantwortlich ist, merken, dass es so nicht geht.

Tag der Wahrheit

Heute ist der Tag der Wahrheit. Heute treten alle aus dem Schatten und bekennen sich zu Schwarz oder Weiß.

Für mich persönlich ein trauriger Tag. Ich hatte nicht zu fürchten gewagt, dass so viele Menschen in meinem Umfeld unreflektiert der Meinungsmache  erliegen. Ich hatte nicht zu fürchten gewagt, dass so viele Menschen in meinem Umfeld so intolerant sind.

Ich fürchte, dass dieser Tag als Geburtstag des Schnitts durch die Gesellschaft gelten wird. Schwarz oder Weiß. Ein Grau scheint unmöglicher als je zuvor.

Macht uns unsere Arbeit krank?

Es ist nun traurige Gewissheit. Der vor Monaten in Grefrath verschwundene zehnjährige Junge Mirco ist tot. Laut den ersten Medienberichten zum Täter stand dieser unter extremem Stress durch seine berufliche Situation. Mirco wurde schlicht zum Überdruckventil. Der Fall ist für sich betrachtet schon sehr extrem. Stellt man ihn jedoch in eine Reihe mit mehreren, in letzten Zeit aufgetretenen, ähnlichen Fällen, so drängt sich die Vermutung auf, dass in unserer Gesellschaft etwas grundsätzlich falsch läuft. Bei der France Télécom kam es innerhalb von 15 Monaten zu 23 Suiziden. Beim taiwanesischen Apple-Zulieferer Foxconn nahmen sich mittlerweile 13 Mitarbeiter das Leben. In Manchester, Connecticut, tötet ein gerade entlassener Bierfahrer 5 Kollegen und Vorgesetzte. Und nun liest man, auch der Mörder von Mirco habe unter starkem beruflichen Stress gestanden.

Ist bei uns alles in Ordnung? Liegt der Fehler „im System“? Oder sind es die Menschen, die falsch sind? Ich persönlich vertrete ja die Meinung, dass wir uns selbst zu Grunde richten. Der eigene Erfolg wird immer öfter auf dem Misserfolg anderer begründet, der eigene Vorteil geht zu Lasten der Mitmenschen. Dabei ist es doch gerade dieses Verhalten, welches uns so fertig macht. Wer immer darauf bedacht ist, überall und immer den größten Vorteil für sich herauszuholen, wird keine Zeit haben, auch nur den geringsten Teil seines Lebens einfach zu genießen.

Hand auf’s Herz. Was gibt uns mehr Zufriedenheit? Wenn man an der Kasse im Aldi den Euro Wechselgeld, den man zu viel bekommen hat, einsteckt und tagelang sein schlechtes Gewissen damit unterdrücken muss, dass man sich einredet, die Kassiererin hätte das Geld besser abzählen sollen, oder wenn man ihr einfach den Euro zurückgibt und sich dann tagelang daran erfreuen kann, dass man einem anderen Menschen eine Freude bereitet hat und einfach nur ehrlich war? Ein anderer Vergleich, wieder mit der Frage, welche Situation und glücklicher Macht: Wenn man seinen Geldbeutel verliert, freut man sich dann mehr darüber, wenn der Finder zu seinem eigenen Vorteil das Geld herausnimmt und ihn dann in den Müll wirft, damit man ihm den Diebstahl nicht nachweisen kann oder freut man sich mehr über den Finder, der das Portemonnaie unversehrt und mit vollständigem Inhalt zu einem nach Hause bringt?

Man sollte die Welt nicht mit zweierlei Maß messen. Die Einstellung „Ich und der Rest“ kann zwar manchmal zum persönlichen Vorteil gereichen, aber in den meisten Fällen ist man nur ein Teil des Rests und steht damit auf der benachteiligten Seite. Ist nicht das Maß „Wir“ für den einzelnen punktuell zwar schlechter, aber auf die lange Sicht gesehen, doch besser?

Das gilt nicht nur im Privatleben. Auch im Beruf. Müssen wir Mitarbeiter und Kollegen unter Druck setzen, damit man ein Ziel erreicht? Oder kann man es nicht auch einmal mit Lob und Motivation versuchen? Was würden wir persönlich lieber haben? Und warum sollte das, was wir gern hätten, den anderen nicht zustehen?

Wir selbst sollten das Maß der Dinge sein. Was wir uns wünschen, wie wir gern behandelt werden, so sollten wir auch mit unseren Mitmenschen umgehen. Mit etwas mehr Gelassenheit und Rücksicht- statt Vorteilsnahme in allen Lebenslagen bringt man Menschen, die gerade in einer problematischen Situation sind, sei es selbst- oder fremdverschuldet, nicht gleich an die Grenzen der Menschlichkeit. Und man kommt selbst nicht so schnell in eine solche Situation. Dann ließen sich die oben geschilderten Fälle vielleicht nicht vollständig vermeiden, aber doch zumindest verringern.