Die Route 57 ist unnötig

Nicht anders kann man die Entscheidung der Firma EJOT interpretieren, ihr neues Zentrallager am Stammsitz in in Wittgenstein zu bauen. 15 Mill. Euro will das Unternehmen investieren. Und das, obwohl man seit Jahren immer wieder die Einrichtung der Route 57 fordert.

Die Einschätzung der Firma EJOT, dass der Standort Wittgenstein auch ohne Route 57 wirtschaftlich ist, begründet sich mit einer von der Firma selbst in Auftrag gegebenen Studie, in der der Standort im Wittgenstein und der Standort Tambach in Thüringen verglichen wurden. Da die Entscheidung für Wittgenstein gefallen ist, ist davon auszugehen, dass die Studie keine nennenswerten Nachteile trotz einer angeblich besseren Verkehrsanbindung in Thüringen beschreibt.

Dass man sich bei der Entscheidungsfindung spekulativ auf das Vorhandensein der Straße berufen hat, ist ebenso unwahrscheinlich. Denn kürzlich wurden auf Nachfrage der Grünen die Ergebnisse einer seit Monaten unter Verschluss gehaltenen Studie bekannt, nach der die Realisierung der Straße mehr als unwahrscheinlich ist. Es ist davon auszugehen, dass die treibenden Kräfte hinter der Kampagne Route 57 über den Inhalt der Studie unterrichtet waren, denn der Landrat, der die Studie zurückhielt, ist einer der größten Verfechter des Straßenbauprojekts. Leider ist bisher weder die Studie, noch das Protokoll der Sitzung des Verkehrsausschuss des Kreises noch die von den Grünen veröffentlichte Pressemitteilung online.

Planwirtschaft

Seit die Bundesregierung im März letzten Jahres den Atomausstieg beschlossen hat, soll die Energiewende nun die zukünftige Energieversorgung sicherstellen. Gingen die großen Atomkonzerne bis zum Reaktorunglück in Fukushima noch davon aus, ihre Meiler länger laufen lassen zu dürfen, mussten sie nach der dreifachen Katastrophe in Japan sehr schnell von der Cash Cow Atomkraft abschied nehmen. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte ihnen das Erneuerbare Energiegesetz, welches bereits seit Anfang des Jahrtausends besteht, nichts anhaben. Doch plötzlich fehlte die Atomkraft, um defizitäre Bereiche auszugleichen oder überflüssige Kapazitäten zu finanzieren. Und es offenbarte sich noch ein weiteres Problem. Hatten sich in den vergangenen zehn Jahren Strukturen aus der Bürgergesellschaft gebildet, die die Energiewende vorantrieben, mussten die großen Player plötzlich aus dem Stand einen weiten Sprung machen, um nicht von der bisher ignorierten Dynamik überrollt zu werden.

Und dieser Sprung ist bis heute noch nicht geglückt. Wenn man aber selbst nicht vorwärts kommt, kann man wenigstens versuchen, dem Gegner Knüppel zwischen die Beine zu werfen, damit dieser wenn schon nicht zu Fall, dann doch wenigstens ins Straucheln gebracht wird. Diese Taktik wird mittlerweile auf breiter Fläche betrieben.

So sichern sich immer mehr Industriezweige das Privileg, sich aus der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe Energiewende davonzuschleichen und den eigenen Beitrag anderen aufzubürden. Oftmals wird dies unter dem Deckmäntelchen der internationalen Konkurrenz vollzogen. In den letzten Tagen sind jedoch Listen mit Unternehmen aufgetaucht, die von der EEG-Umlage befreit sind, deren Energieverbrauch aber keine Auswirkungen auf ihre Positionierung am internationalen Markt hat. Dies weckt nicht nur den Unmut der privaten Verbraucher, sondern auch verschiedene Branchen, wie beispielsweise die Textilbranche, wollen gegen diese Ungleichbehandlung vorgehen, schließlich müssen sie die Umlage der befreiten Unternehmen zusätzlich aufbringen.

Schaut man sich dieses Gemenge an, drängt sich schnell der Eindruck der Wettbewerbsverzerrung auf. Wenn Unternehmen gegen Ende des Jahres ihre Maschinen rund um die Uhr laufen lassen, um die Gesamtjahresmenge zu erreichen, die benötigt wird, um von der Umlage befreit zu werden, dann hat das nichts mit normalem Marktverhalten zu tun.

Umso erstaunlicher erscheint es dann, dass nicht die Ausnahmeregelungen als marktverzerrend angesehen werden, sondern von den einschlägigen Wirtschaftsverbänden wird das EEG als planwirtschaftliches Instrument beschimpft. Welch Chuzpe. Und so verwundert es auch nicht, dass der liberale Wirtschaftsminister seit Amtsantritt versucht, die Energiewende zu hintertreiben oder wenigsten den Profit der großen Unternehmen und deren Aktionäre zu sichern.

In diesem Zusammenhang an Dreistigkeit kaum zu überbieten ist jedoch eine Stellungnahme des Kreises Siegen-Wittgenstein. Ende des letzten Jahres hatte der Kreistag die Verwaltung beauftragt, zu prüfen, wie der Kreises 1 Mio. Euro so verwenden kann, dass damit die Energiewende vor Ort vorangetrieben wird. Nun hat die Verwaltung zu diesem Antrag eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie unter anderem ausführt, dass eine Beteiligung des Kreises an z.B. einem Unternehmen oder einer Genossenschaft zur Energieerzeugung eine Wettbewerbsverzerrung sei. Wie kommt man dort zu der Meinung, dass eine Investition eine Wettbewerbsverzerrung sei? Vollkommen ad absurdum wird diese Aussage geführt, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Kreis Siegen-Wittgenstein Aktien des RWE-Konzerns im Gegenwert mehrerer Millionen Euro hält. Dies wurde bisher jedoch nicht als Wettbewerbsverzerrung dargestellt.

Festzustellen ist, dass hier nicht der Auftrag des Kreistags an die Verwaltung umgesetzt wird, sondern dass die Verwaltung selbst politisch agiert und versucht, Einfluss auf den politischen Prozess zu nehmen, der den Parteien vorbehalten ist. Leider dient dies in keinem Fall dem Ziel, die gesellschaftliche Mammutaufgabe Energiewende zu unterstützen.

Energiestatistik

Die Energiewende ist in vollem Gange. In jeder Kommune wird über neue Windenergieanlagen debattiert, viele Häuslebauer beschäftigen sich mit Photovoltaik, Solarthermie oder Erdwärme. Und oftmals kommt die Frage auf, wie überhaupt der aktuelle Stand ist. Für den Bereich der elektrischen Energie kann dies relativ einfach beantwortet werden. Der Übertragungsnetzbetreiber Amprion veröffentlich nämlich eine Liste mit allen Anlagen zur Erzeugung elektrischer Energie. Im Folgenden sind einige Daten über die Energieerzeugung im Kreis Siegen-Wittgenstein dargestellt.

Wind

Der Kreis verfügt über 20 Windenergieanlagen: eine in Freudenberg, zwei in Siegen, drei in Netphen, vier in Bad Berleburg sowie fünf in Wilnsdorf und Hilchenbach. Wilnsdorf verfügt über die leistungsstärksten Anlagen mit jeweils 2,5MW und verfügt somit über mehr als ein Drittel der gesamten Windkraftkapazitäten des Kreises. Dicht darauf folgt Hilchenbach mit Anlagen der 2MW-Klasse. Siegen besitzt das kleinste Windrad, welches nur eine Leistung von 600kW bereitstellen kann.

Die Gesamtleistung im Kreisgebiet liegt bei 33,4MW, 22,5MW werden allein durch Wilnsdorf und Hilchenbach bereitgestellt. Durchschnittlich verfügen die Anlagen über eine Leistung von 1,6MW.

Deponiegas

Beide Abfalldeponien im Kreis verfügen über eine Anlage zur Gewinnung elektrischer Energie aus Deponiegas. In Netphen-Herzhausen ist eine maximale Leistung von 250kW installiert, in der Fludersbach in Siegen sogar 730kW.

Wasserkraft

Wasserkraft wird nur in sehr geringem Umfang zur Gewinnung elektrischer Energie genutzt. In Netphen ist eine Anlage mit 8kW, in Burbach in Anlage mit 7,5kW,  in Erndtebrück erzeugt eine Anlage 15kW und in Bad Laasphe sind zwei Anlagen mit einer Gesamtleistung von 12,7kW installiert. Somit beträgt die Gesamtleistung durch Wasserkraft im Kreisgebiet 43,2kW.

Biomasse

Es sind acht Anlagen vorhanden, die Biomasse in Energie umwandeln können. Die größte ist das Biomasse-Heizkraftwerk in Erndtebrück mit 5MW, die kleinste Anlage mit 15kW ist auf dem Bioland-Hof Heckseifen in Siegen in Betrieb. Die Gesamtleistung aller acht Anlagen beträgt ca. 6,7MW.

Sonne

Mit großem Vorsprung, bezogen auf die Anzahl der Anlagen, ist die Photovoltaik die am meisten genutzte Art der Energiegewinnung. 1818 Anlagen verfügen über eine Gesamtspitzenleistung von 20,29MW. Damit ist die durchschnittliche Photovoltaikanlage 11kW groß.

Die größte Anlage mit 271kW ist in Freudenberg installiert, die kleinste mit 300W Siegen. In Siegen sind pro Einwohner 33W Solarenergie installiert, in Bad Berleburg 152W. Auch die Anzahl der Anlagen pro Einwohner schwankt erheblich. In Bad Berleburg haben 1,3% der Einwohner eine eigene Anlage, in Siegen sind es nur 0,3% aller Einwohner.

Nun ein paar detaillierte Betrachtungen der Photovoltaikanlagen im Kreisgebiet. Im folgenden Bild ist der Zuwachs in Kilowatt im jeweiligen Jahr angegeben. Sehr gut zu erkennen ist dort das Boomjahr 2010.

Leistungszuwachs

Auch die Vergütung für die Anlagen, die in einem Jahr ans Netz angeschlossen wurden, ist in 2010 so hoch wie nie:

Vergütungszuwachs

Nimmt man die bisher vorhandenen Anlagedaten, ergibt sich der in der folgenden Grafik dargestellte Verlauf der gesamten, in einem Jahr an die Anlagenbetreiber im Kreis zu zahlenden Vergütung.

VergütungGesamt

Durch die beschlossenen weiteren Absenkungen der Vergütung, den Umstand, dass die Vergütung mittlerweile unter dem Preis einer Kilowattstunde vom normalen Anbieter liegt sowie dem Umstand, dass bereits in zwei Jahren die ersten Anlagen aus dem maximalen Vergütungszeitraum hinauslaufen, kann gefolgert werden, dass sich an der oben dargestellten Kurve nicht mehr viel ändern wird.