Ökostrom ist nicht gleich Ökostrom

Nachdem nun fast alle lokalen Zeitungen vermutlich eine Pressemitteilung der Siegener Versorgungsbetriebe (SVB) nahezu unverändert (WAZ, Siegerland Kurier, Siegener Zeitung hinter Paywall) abgedruckt haben, brennt mir ein Thema doch etwas unter den Nägeln.

Es geht um das Thema Ökostrom. In den Artikeln wird beschrieben, dass die SVB durch eine rückwärtslaufende Pumpe reinen Ökostrom erzeugen. Die Logik dahinter ist, dass Energie aus Wasserkraft ja zu den “sauberen” Energien gehört und damit ist es Ökostrom. Prinzipiell ist das auch richtig; Wasserkraft in Form von Laufwasserkraftwerken ist eine saubere Energieform, die auch zu den erneuerbaren gezählt wird. Man muss hier jedoch fein unterscheiden. Energie aus einem Pumpspeicherkraftwerk, was ja auch mit Wasser als Energieträger arbeitet, muss nicht zwangsläufig erneuerbare Energie sein.

Der Unterschied besteht darin, dass bei Laufwasserkraftwerken das Wasser auf natürlichem Weg zur Quelle befördert wurde und nun den Berg hinab fließt. Dabei wird dem Wasser Energie entzogen. Technisch beschrieben wird dabei potenzielle Energie in kinetische Energie umgewandelt. Die potenzielle Energie wurde dem Wasser auf natürlichem Wege beigebracht. Bei einem Pumpspeicherkraftwerk, und um nichts anderes handelt es sich bei der beschriebenen Anlage, wird das Wasser nicht auf natürlichem Wege in das obere Becken (auf den Berg) gebracht. Es wird zwar auch potenzielle Energie in kinetische Energie verwandelt, allerdings wurde vorher durch die gleiche Pumpe kinetische Energie in potenzielle verwandelt, nämlich zu dem Zeitpunkt, wo das Wasser in das obere Becken gepumpt wurde.

Die Krux ist nun die Herkunft der kinetischen Energie, die für das Hochpumpen des Wassers verwendet wurde. Stammt diese aus einem Kohlekraftwerk oder einen Atomkraftwerk, so wird die Energie durch die Zwischenspeicherung im Wasser nicht sauberer (auch wenn das ein schönes Bild wäre). Man kann nicht Energie aus einem Atomkraftwerk in potenzielle Energie verwandeln und sie anschließend wieder in angeblich grüne kinetische Energie rücktransformieren. Wirklich grüne Energie wäre es, wenn bereits für das Hochpumpen des Wassers regenerative Energie aus Wind, Wasser, Sonne etc. eingesetzt würde. Dies wird in den Artikeln allerdings nicht erwähnt. Daher sollte man die dort gewonnene Energie auch nicht ökologisch nennen.

Man soll mich hier nicht falsch verstehen: Im Artikel wird beschrieben, dass die Energie, würde sie nicht durch die rückwärtslaufende Pumpe nutzbar gemacht, verpufft wäre. Es wird somit ein bisher brachliegendes Potenzial genutzt. Das ist eine gute Sache. Mit solchen Maßnahmen können zwar nur kleine Beiträge zur Energieversorgung geleistet werden, aber Kleinvieh macht auch Mist. Wenn viele solcher brachliegender Potenziale nutzbar gemacht werden, können daraus durchaus große Summen entstehen. Aber die Nutzung eines bisher brachliegenden Potenzials sagt nun mal nichts über die Herkunft des Potenzials aus. Hier sollte man sich nicht hinters Licht führen lassen.

Interessant und auch etwas erschreckend fand ich die Tatsache, dass alle Zeitungen den Artikel ohne kritische Nachfrage abgedruckt haben. Natürlich haben lokale Zeitungen einen erheblichen Kostendruck und auch nicht immer die Zeit, sich mit allen Pressemitteilungen grundsätzlich zu beschäftigen. Aber dieser Punkt hätte einem Redakteur, der sich mit der Materie etwas auskennt, ins Auge springen müssen. Einen solchen Redakteur hätte ich bei mindestens zwei der drei oben genannten Zeitungen erwartet. Und wenn man einen solchen Redakteur nicht hat, sollte man sich als Zeitung überlegen, ob man die Pressemitteilung dann eventuell nicht druckt. Oder ist mein Anspruch an die (lokalen) Printmedien hier zu hoch?

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